Wenn Schuld vorausgesetzt wird: Kafka und die Logik des Krieges

22. Januar 2026

Stell dir vor, du wirst angeklagt, ohne zu wissen warum. Nicht wegen einer Tat, nicht wegen eines Fehlers, sondern allein, weil es ein System gibt, das Schuld voraussetzt. Genau mit diesem Gefühl beginnt Franz Kafkas Der Prozess und genau dieses Gefühl prägt auch viele der politischen Realitäten unserer Gegenwart, welche in diesem Blogeintrag thematisiert werden.

Ein Blogeintrag von Mohaddessa Hosseini

Franz Kafkas Roman Der Prozess beginnt mit einem Satz:
„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“
Als ich diesen Satz im Deutschunterricht gelesen habe, wurde mir schon früh verdeutlicht, dass es Kafka nicht um ein klassisches Verbrechen geht. Josef K. wird verhaftet, ohne zu wissen warum. Es gibt keine konkrete Anklage und kein richtiges Vergehen. Von Beginn an herrscht ein Zustand der Unklarheit. Aber eines bleibt klar und unbestreitbar und zwar die Schuld von Josef K.

Diese paradoxe Situation zieht sich durch den gesamten Roman. Das Verfahren gegen Josef K. folgt keiner transparenten Logik, keiner erkennbaren Rechtsordnung. Die Gerichte existieren überall und nirgends zugleich, in Dachböden, Hinterzimmern, anonymen Amtsräumen. Sie sind allgegenwärtig, aber nicht erreichbar. Es gibt Richter, Anwälte, Beamte, es wird alles von oben geregelt, doch der Zugang zu den Leuten oben ist schwer zu erreichen.

Schuld wird verwaltet, ohne je erklärt zu werden. Der Leser bleibt ebenso ratlos wie die Hauptfigur selbst.

Kafka stellt in Der Prozess nicht die Frage nach einer konkreten Tat, sondern nach einem existenziellen Zustand der Schuld des Menschen. Josef K. ist nicht schuldig, weil er etwas getan hat, sondern er ist schuldig, weil er existiert und Teil eines Systems ist, das Schuld voraussetzt, bevor es überhaupt prüft. Das Ganze dient nicht der Wahrheitsfindung, sondern der Aufrechterhaltung einer Ordnung. Gleichzeitig entzieht sich der Sinn dieser Ordnung selbst. Die Verteidigung existiert nur noch dem Namen nach, hat aber keine echte Wirkung oder Bedeutung mehr, Argumente verlieren ihre Bedeutung und Wahrheit wird nebensächlich. Zudem fängt Josef K. im Verlauf der Geschichte an selbst an seine Unschuld zu zweifeln.

Nicht das Gericht überzeugt ihn, sondern die Tatsache, dass es existiert. Beim Lesen des Romans wird auch schnell klar, dass Josef K sich seiner Schuld bewusst ist von Anfang an. Er fragt sich nicht: «Bin ich schuldig?», sondern «Wofür bin ich schuldig?»

Er verdächtigt sich selbst, etwas getan zu haben und durch seine permanente Schuldzuweisung und somit auch Verunsicherung wird die Sache für ihn schwieriger. Dabei nimmt niemand direkt Verantwortung. Niemand entscheidet sichtbar über Schuld oder Unschuld, und gerade darin liegt die Grausamkeit des Systems, es ist unangreifbar.

Schuld im Krieg

Die Geschichte lässt sich mit dem Thema Krieg in Zusammenhang bringen. Denn kaum irgendwo wird Schuld so systematisch entgrenzt wie im Krieg. Was bei Kafka das anonyme Gericht ist, sind hier Staaten. Schuld wird nicht mehr geprüft, sondern verteilt. Nicht mehr verhandelt, sondern vorausgesetzt. Im Krieg verschiebt sich die Frage nach der Schuld fast zwangsläufig von der Handlung zur Zugehörigkeit. Wer auf der „falschen Seite“ lebt, gilt nicht mehr als unschuldig, sondern als Teil eines Problems. Schuld wird damit zu einem Zustand, ganz ähnlich wie bei Josef K., der nicht wegen einer Tat, sondern wegen seiner Existenz angeklagt ist. So wird jeder Anschlag gerechtfertigt. Oft unterstützt durch Propaganda, denn die Medien spielen in diesem Prozess eine zentrale Rolle. Sie fungieren als eine Art öffentliches Gericht, das nicht offen urteilt, aber permanent bewertet. Durch Auswahl von Bildern, durch Wortwahl, durch Wiederholung bestimmter Narrative entsteht eine moralische Ordnung des Krieges. Manche Gewalt gilt als erklärbar, andere als barbarisch. Manche Opfer als bedauernswert, andere als unvermeidlich. So wird Schuld nicht ausgesprochen, sondern still organisiert. Wer sich gegen diese Wertvorstellung und dieses System widersetzt, ist automatisch schuldig und Teil der «bösen» Partei. 

Gleichzeitig arbeiten Kriege mit stark vereinfachten Schuldnarrativen. Komplexe historische Zusammenhänge werden reduziert, Ursachen verkürzt, Verantwortung verschoben. Schuld wird externalisiert und liegt immer beim „Anderen“, beim Feind. Das eigene Handeln erscheint dadurch nicht als Entscheidung, sondern als Reaktion, nicht als Gewalt, sondern als Notwendigkeit. Wie im Prozess gibt es kein echtes Urteil mehr, sondern nur noch Abläufe, die nicht der Wahrheitsfindung dienen, sondern sich durch ihre bloße Fortsetzung selbst rechtfertigen.

Das Gefährliche an dieser Logik ist nicht nur die physische Gewalt, sondern die moralische Entlastung, die sie erzeugt. Wenn Schuld kollektiviert wird, muss niemand mehr konkret Verantwortung übernehmen. Entscheidungen verschwinden hinter Strukturen, Opfer hinter Begriffen, Täter hinter Befehlen. Kafka zeigt, wohin das führt. Es führt zu einer Welt, in der Schuld allgegenwärtig ist, aber niemand sie trägt.

Der Prozess endet mit dem Tod eines Einzelnen, dessen Schuld nie benannt wurde. Kriege übertragen dieses Prinzip auf ganze Bevölkerungen. Sie schaffen Systeme, in denen Menschen verurteilt werden, ohne je angehört zu werden und sterben, ohne dass ihre Schuld oder ihre Unschuld eine Rolle gespielt hätte.

Kafka zwingt uns damit zu einer unbequemen Frage:
Was geschieht mit Gerechtigkeit, wenn Schuld nicht mehr geprüft, sondern vorausgesetzt wird?