Im Deutschunterricht haben wir das Buch „Ihr sollt die Wahrheit erben“ von Anita Lasker-Wallfisch gelesen. Es handelt sich um einen Zeitzeugenbericht, in dem sie von ihren Erfahrungen als junge Jüdin erzählt, insbesondere von ihrer Deportation in das Konzentrationslager Auschwitz.
Ein Blogeintrag von Mohaddessa Hosseini
Da Anitas Erzählen auf Erinnerungen beruht, haben wir uns im Unterricht auch mit dem Thema Erinnerungen befasst. Erinnerungen wirken oft wie klare, unveränderliche Bilder aus der Vergangenheit. Doch tatsächlich sind sie viel weniger fest, als man zunächst annimmt. Unser Gedächtnis funktioniert nicht wie eine Kamera, die Erfahrungen exakt und einmalig speichert, sondern eher wie ein System, das sie immer wieder neu zusammensetzt. Besonders bei extremen oder traumatischen Erfahrungen kann sich dabei verändern, wie wir uns an bestimmte Situationen erinnern und welche Bedeutung wir ihnen im Nachhinein geben.
Vor diesem Hintergrund wird eine Szene aus dem Bericht von Anita Lasker-Wallfisch besonders interessant. Sie erzählt, dass sie sich freiwillig gemeldet habe, um eine Leiche wegzutragen, und beschreibt dies als ihre erste Begegnung mit einer Leiche. Laut ihr wollte sich selbst beweisen, dass sie stark sei und alles aushalten könne. Doch genau hier stellt sich die Frage, wie zuverlässig diese Erinnerung ist. War es wirklich das erste Mal, dass sie mit dem Tod konfrontiert wurde? In einem Umfeld wie Auschwitz erscheint das zumindest fraglich. Es ist gut möglich, dass ihr Gedächtnis diese Situation im Nachhinein besonders hervorgehoben hat. Nicht, weil sie objektiv die erste war, sondern weil sie für sie eine besondere Bedeutung hatte. Vielleicht war es der Moment, in dem sie sich zum ersten Mal bewusst entschieden hat, nicht nur passiv zu ertragen, sondern aktiv zu handeln.
Gerade diese mögliche Verschiebung zeigt, wie eng Erinnerung und Bedeutung miteinander verknüpft sind. Das Gehirn ordnet Erfahrungen oft so, dass sie einen Sinn ergeben oder die eigene Entwicklung erklären. In diesem Fall ist die Erinnerung also weniger ein genaues Abbild der Realität, sondern vielmehr ein Ausdruck dessen, was diese Situation innerlich für sie bedeutet hat.
Diese Deutung lässt sich mit dem Konzept der Ich-Stabilisierung verbinden. In einer extremen Ausnahmesituation wie dem Lager war es für viele Menschen entscheidend, ein Gefühl von innerem Halt zu bewahren. Indem Lasker-Wallfisch ihre Erinnerung so erlebt oder im Nachhinein so deutet, entsteht ein Bild von sich selbst als handlungsfähig und stark. Die Vorstellung, sich bewusst entschieden zu haben, kann ihr helfen, sich nicht ausschließlich als ausgeliefertes Opfer zu sehen, sondern als jemand, der trotz allem noch Kontrolle über sich selbst hatte. Genau darin könnte die eigentliche Funktion dieser Erinnerung liegen, nicht in ihrer objektiven Genauigkeit, sondern in ihrer Bedeutung für das psychische Überleben
Wenn Erinnerungen, wie bereits gezeigt, nicht fest sind, sondern sich im Laufe der Zeit verändern und immer wieder neu zusammengesetzt werden, dann hängt ihre Form auch stark davon ab, ob über sie gesprochen wird oder nicht. Schweigen kann dazu führen, dass Erfahrungen unausgesprochen bleiben und sich innerlich verzerren. Erzählen hingegen ermöglicht es, Erinnerungen zu ordnen, einzuordnen und ihnen eine Bedeutung zu geben. Es schafft Struktur in etwas, das sonst chaotisch und überwältigend bleiben würde. Viele Überlebende der Konzentrationslager wie Auschwitz haben lange geschwiegen, oft aus Schmerz, aus Überforderung oder weil ihnen schlicht die Worte fehlten. Für viele schien Schweigen zunächst der einfachere Weg zu sein, da das Sprechen die traumatischen Erlebnisse erneut hervorgerufen hätte. Doch dieses Schweigen hatte Folgen, Erinnerungen wurden nicht verarbeitet, sondern eher verdrängt oder blieben unklar und bruchstückhaft bestehen. Wenn Erlebnisse nicht ausgesprochen und reflektiert werden, wird es deutlich schwieriger, sie in das eigene Selbstbild zu integrieren. Die innere Stabilität, von der zuvor die Rede war, kann sich so nur eingeschränkt entwickeln. Stattdessen bleiben viele Betroffene innerlich mit ihren Erfahrungen allein.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Schweigen grundsätzlich falsch ist. Besonders direkt nach traumatischen Erfahrungen kann es eine wichtige Schutzfunktion haben. Es kann helfen, sich vor einer Überforderung zu bewahren und Abstand zu gewinnen. Problematisch wird es erst dann, wenn das Schweigen dauerhaft bleibt und eine Auseinandersetzung verhindert. Denn ohne diese Auseinandersetzung besteht die Gefahr, dass das menschliche Dasein nicht mehr funktioniert. Man ist zu sehr traumatisiert und weiss nicht wie mit dem Trauma umzugehen.