War früher alles besser?

18. Januar 2026
Bild: Vaterfreunden.de

Ein Essay über Erziehung im Wandel

Mit den rasanten gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen der letzten Jahre hört man oft von älteren Menschen den Satz: «Früher war alles besser.» Als junge Mutter nervt mich diese Aussage, unter anderem auch, weil die Aussage wenig hilfreich ist. Denn wenn ich nachfrage, bekomme ich meistens keine richtige Antwort, was denn früher alles besser gewesen sei. Besonders in Bezug auf die Erziehung bekomme ich oft Kommentare und ungefragt Ratschläge, die auf traditionellen Vorstellungen beruhen und den Eindruck vermitteln, nur die Methoden früherer Generationen seien richtig gewesen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Erziehung früher tatsächlich besser war.

Roland Reichenbach vertritt im Interview in Das Magazin die Ansicht, dass die ältere Generation kritischer mit dem eigenen Kind umging, da Eltern früher weniger von der Liebe ihrer Kinder abhängig gewesen seien. Das bedeutete, dass ihre Stimmung nicht vom Verhalten des Kindes abhing, was ich grundsätzlich als positiv bewerte. Niemand sollte solch eine Bindung zu einer anderen Person haben, selbst wenn d. Eine gesunde, unabhängige Beziehung ist notwendig, damit beide Parteien gut zusammenleben können. Roland Reichenbach ist der Auffassung, dass heute die Eltern zu sehr von ihren Kindern geliebt werden wollen und dies pädagogisch schwierig sei. Dieser Ansicht widerspreche ich ganz klar. Das Bedürfnis der Eltern, von ihren Kindern geliebt zu werden, ist nicht pädagogisch problematisch zu betrachten.  Jeder wünscht sich doch, sehr gemocht zu werden, und wenn diese Zuneigung vom eigenen Kind kommt, wünscht man sich das noch mehr und stärker. Und dass dabei Eltern den Fokus nur noch auf die Liebe, die sie bekommen, legen und nicht mehr auf die Erziehung, kann ich mir nicht vorstellen. Eltern können in der Tat ihre Kinder lieben, geliebt werden wollen und konsequent in der Erziehung sein, wie man heute sehen kann. Es funktioniert!

Die Frage, ob der Fünfzigerjahre-Erziehungsstil besser war als der von heute, würde ich mit Nein beantworten. Bekanntlich war man früher gewalttätig in der Erziehung und Kompromisse zu finden waren ein Fremdwort für viele Eltern. Eltern gingen mit ihren Kindern hart um, zeigten wenig Empathie und es wurde keine Widerrede akzeptiert. Entweder gehorcht das Kind oder es gehorcht nicht und wird bestraft. Die schon thematisierte Form der «Unabhängigkeit» der Eltern bedeutete für viele Kinder deshalb emotionale Vernachlässigung oder Angst. Letztere Emotion habe ich zum Glück in meiner Kindheit nicht erlebt.  Meine Eltern, eine etwas jüngere Generation, haben das Muster in der Erziehung, mit dem sie gross geworden sind, gebrochen. So erhebt mein Vater nie seine Stimme oder Hand gegenüber mir. Meinen Eltern bin ich dafür dankbar für diesen Bruch in der «Generationskette», aber auch ich erziehe meine Kinder nicht, wie ich erzogen bin. Und das ist auch gut so. Ich finde, die ältere Generation sollte erkennen und akzeptieren, dass es heute moderne Erziehungsmethoden gibt, die genutzt werden und nur weil etwas anders ist, heisst es nicht, dass es schlecht ist. 

In diesem Zusammenhang kommt mir der Begriff «Gentle Parenting» in den Sinn. Dies ist eine moderne Erziehungsmethode, die den Fokus auf eine gesunde Beziehung zum Kind auf Augenhöhe legt. «Augenhöhe mit dem Kind», darauf reagiert Roland Reichenbach jedoch allergisch, mit der Begründung, es sei unaufrichtig (Z. 15). Laut ihm müsse jemand, der befehlen kann, nicht auf Argumente hören. Es gibt eine Asymmetrie und die muss man erkennen und nicht von der wegsehen (Z. 17).  «Wer gehorchen muss, kann nicht zustimmen», heisst es im Interview (Z. 16). Dies schockiert mich als junge Mutter ein wenig. JA, es braucht Grenzen und Konsequenzen, die das Kind manchmal tragen muss. Aber hier ist es wichtig, dem Kind auf Augenhöhe zu kommunizieren, wieso es denn jetzt das machen muss und nicht nur, was es machen muss.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die grössere emotionale Distanz früherer Generationen eine gewisse Unabhängigkeit mit sich brachte, doch sie ging häufig auf Kosten des Wohls des Kindes. Moderne Erziehungsansätze zeigen, dass Liebe und klare Grenzen sich nicht widersprechen, sondern einander ergänzen können. Ich bin froh, in der Erziehung meines Kindes Vieles anders machen zu können als frühere Generationen, vor allem in Hinblick auf die Strafen und die Bindung zum Kind und vielleicht werden meine Kinder wie auch andere später sagen: «Früher war alles besser.» Ich hoffe jedoch, dass sie keine abneigende Haltung zu Neuem in der Zukunft haben werden.